Covid-19-Epidemie – Aktuelle Entwicklungen – Ein Bericht aus Indien

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Liebe Karunai-Freunde,

an dieser Stelle möchten wir einen Bericht mit Ihnen teilen, den wir in der vergangenen Woche von unserem Team aus Indien bekommen haben und der, angereichert mit ein paar Fotos, einen Eindruck der aktuellen Situation vor Ort geben soll.

Der „Corona-Lockdown“, der am 22. März in Indien begann, ist für viele Inder ein echter Kulturschock gewesen. In noch viel stärkerem Maße, als wir es in Europa gewohnt sind, finden viele Dinge und Verrichtungen des täglichen Lebens in Indien in der Öffentlichkeit statt und sind oft auch mit sehr engen sozialen Kontakten verbunden. Als Beispiel seien hier nur die öffentlichen Transportmittel und religiöse und soziale Massenversammlungen genannt. Auch das Hygienesystem ist in Indien bei weitem nicht auf dem Standard, den wir unter normalen Bedienungen in Europa gewohnt sind.

Für die indische Wirtschaft hatte das Herunterfahren massive Auswirkungen und für Millionen von Tagelöhnern fatale Konsequenzen, verloren sie doch von einem auf den anderen Tag nicht nur ihr Einkommen, sondern oft auch ihre Unterkunft und die tägliche Verpflegung.

Da die Menschen auf Anweisung der Regierung in Ihre Heimatdörfer zurückbeordert wurden, mussten sich wahre Menschenmassen zu Fuß auf den Weg machen, öffentliche Verkehrsmittel standen kaum noch zur Verfügung, oder nach anderen Reisegelegenheiten suchen, die sie oft teuer bezahlen mussten. Wer es unter diesen Umständen in sein Heimatdorf geschafft hatte, wurde vielfach von den Dorfbewohnern und auch den eigenen Verwandten angefeindet, wurden sie doch als potenzielle Virusträger gesehen und als zusätzliche Last bei der ohnehin schon schwierigen Versorgung der Familie. Die Nahrungsmittelversorgung durch die Regierung funktioniert oftmals immer noch nicht sehr gut. Aber auch die Bevölkerung in den Städten wurde in erheblichem Maße getroffen, stehen doch 25-30% aller Arbeitsplätze unter der akuten Bedrohung, auf Grund von ausbleibenden Umsätzen gestrichen zu werden.

Die Situation im Karunai-Haus

Wie bereits in den vorherigen Artikeln beschrieben, mußten wir leider den Großteil unserer Mädchen zurück in ihre Heimatdörfer schicken. Momentan wohnen noch drei unserer Mädchen im Haus, drei weitere sind uns von einem anderen Kinderheim zugeteilt worden.

Natürlich waren alle sehr traurig, voneinander getrennt zu werden, schließlich leben viele der Mädchen schon seit vielen Jahren im Karunai-Haus und sind zu einer Familie zusammengewachsen.

Die verbliebenen Mädchen werden natürlich weiterhin vom Karunai-Team betreut und haben einen festen Tagesablauf, der auch wichtig ist, um den z. Zt. noch immer fehlenden Schulunterricht zu kompensieren.

Das Karunai-Haus hat ja mittlerweile einen prächtig gedeihenden Garten, der weiter gehegt und gepflegt werden muss. Das ist auch sonst schon eine der Aufgaben der Mädchen und in dieser besonderen Situation verbringen die Mädchen noch mehr Zeit damit, insb. den Gemüsegarten zu versorgen. Es wurden z.B. Maissamen ausgesät, auf deren Gedeihen nun gespannt gewartet wird. Des weiteren wurden Drumsticks (ein indisches Gemüse) und Neem-Bäume (eine indische Heilpflanze) von den Mädchen angepflanzt. Leider haben wegen der bereits sehr starken Hitze viele der Küken, die von unseren Hühnern ausgebrütet worden sind, nicht überlebt und mußten von den Mädchen beerdigt werden. Die Neem-Bäume werden ab dem kommenden Jahr für üppigen Schatten für die Hühner sorgen.

Die Mädchen werden von den Betreuerinnen auch in anderen praktischen Dingen unterrichtet, so lernen sie z.B., wie man aus den Blüten, die der Garten in großer Anzahl hervorbringt, Girlanden herstellt. Diese Tätigkeit ist für viele arme Frauen in Indien oft ein wichtiger Broterwerb. Wir hoffen natürlich, dass das für unsere Karunai-Mädchen niemals so sein wird. Auch das Binden von Reisigbesen will gelernt sein, da diese für das Reinigen des Hauses und des Außenbereiches wichtig sind. Einer unserer Wächter hat die Zeit genutzt, Masken für alle herzustellen und wurde dabei auch tatkräftig von den Mädchen unterstützt.

Aber auch regelmäßige Unterrichtseinheiten in Tamil und Englisch stehen auf dem Programm, damit die Mädchen nicht zu viel Schulstoff vergessen. Und auch Tipp-Einheiten auf der Computertastatur werden regelmäßig absolviert. Zeit zum Spielen bleibt aber dennoch und jeden Abend tauschen sich alle Haus-Bewohner über die aktuelle Lage und ihre Stimmung aus, es werden Geschichten erzählt, aber auch für die Lieben und ein Ende der Pandemie gebetet.

Die Mädchen in den Heimatdörfern

Die Mädchen, die gemäß den Anweisungen der Regierung in ihre Heimatdörfer gehen mußten, stehen in regelmäßigem Kontakt mit uns. Wir haben einen Prozess geschaffen, in dem die Kinder und ihre Verwandten uns anrufen und uns über ihre aktuelle Situation berichten. Dabei werden auch Fragen zum aktuellen Gesundheitsstand und den Hygienepraktiken gestellt. Bei Bedarf werden Handlungsempfehlungen erteilt, um den Hygienezustand zu verbessern und einer Ansteckung vorzubeugen. Sie sehen aber an den Bildern, dass wir über eine, für uns gänzlich abwegige, Hygienesituation in den Dörfern sprechen.

Nach Möglichkeit sollen die Kinder zumindest folgende Regeln befolgen:

1. 6-mal am Tag die Hände gründlich waschen

2. 2-mal am Tag baden

3. Gesicht und Füße 4 -mal am Tag waschen

4. 2-mal am Tag Gurgeln

5. mindestens 8- mal täglich abgekochtes Wasser trinken

Viele Familien haben uns ihre prekäre finanzielle Situation geschildert, da die meisten momentan nicht arbeiten können bzw. nicht arbeiten dürfen. Die indische Regierung hatte eigentlich jeder Familie einen monatlichen Unterstützungsbetrag von Rs 1000,- (ca. 12,- EUR) pro Monat zugesagt, bisher kamen aber nur Lebensmittellieferungen an und die auch nur sehr unzureichend. Für viele Familien wird es in den kommenden Wochen sehr schwer werden. Wie bereits in einem der vorherigen Updates erwähnt, unterstützen wir die Familien unserer Mädchen mit Geldüberweisungen, damit sie sich Nahrungsmittel kaufen können. Eine unmittelbare Unterstützung mit Lebensmitteln ist für uns nicht möglich, da wir einerseits unter Berücksichtigung der Lockdown-Bestimmungen eine Erlaubnis der örtlichen Polizeibeamten einholen müssten und andererseits das Ansteckungsrisiko zu hoch wäre.

Aufgrund der starken Hitzewelle, bleiben die Kinder tagsüber zumeist in ihren Häusern. Morgens und abends, so hören wir, dass sich die Mädchen mit anderen Kindern zum Spielen treffen. Das ist zwar wegen der höheren Ansteckungsgefahr nicht gut, aber in den Dörfern kaum zu unterbinden. Ansonsten übernehmen die Kinder Bereiche der Hausarbeit, sehen fern und lernen aus den Büchern, die wir ihnen mitgegeben haben. Vier der Mädchen bereiten sich momentan auf ihre 10. Board-Prüfung (den Schulabschluss) vor, deren Termin nach heutigem Stand auf den 01. Juni gelegt wurde.

zu Hause im Dorf 1

Gleichzeitig werden auch die Familien unserer Nachhilfeschüler aus dem Dorf finanziell unterstützt. Das sind die Kinder, die in der Zeit vor dem Lockdown regelmäßig nachmittags bei uns begleitet ihre Hausaufgaben erledigt und am Englischunterricht teilgenommen haben. Auch diese Familien baten um Unterstützung, da die staatlichen Lebensmittelrationen nicht ausreichen.

Wie geht es weiter?

Die Mädchen sind natürlich sehr gespannt darauf, endlich wieder ins Karunai-Haus zurückkehren und wieder ihr „normales“ Leben leben zu können. Momentan ist aber noch nicht abzusehen, wann das der Fall sein wird. Sollte eine Rückkehr ins Haus wieder möglich sein, so würde das nach aktueller Regelung bedeuten, dass die Mädchen erst einmal für 17 Tage in Quarantäne müßten und das Haus nicht verlassen dürften. Nach diesen 17 Tagen muss in einem staatlichen Krankenhaus ein Coronatest gemacht werden und erst wenn dieser negativ ausfällt, kann die Quarantäne aufgehoben werden.

Wir hoffen, dass die Mädchen bald wieder in Karunai-Haus zurückkehren können und dass alle unsere Freunde in Indien, die Mädchen und ihre Familien gesund bleiben!

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